Autorenforum Phoenix (Hrsg.)

Anthologie: Phoenixzeit

ISBN 978-3-86268-361-1, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2011

Preis: 12,00 €

"Die Raupe" und "Der Weg" sind in dieser Anthologie erschienen.

Leseprobe:

Die Raupe

Jo hatte Hunger und freute sich richtig auf den glänzenden grasgrünen Apfel. Er roch angenehm herb und reichlich Saft tropfte heraus, als er hineinbiss. Granny Smith waren seine Lieblingsäpfel, auch wenn seine Oma noch so oft behauptete, dass sie wenige Vitamine enthielten und kein Aroma hätten. Sie schmeckten einfach herrlich sauer.

Jo nahm einen zweiten Biss. Aber was war das? Statt auf festes Fruchtfleisch schien er auf etwas Weiches gebissen zu haben. Er hatte doch nicht etwa einen Apfel mit einem Wurm erwischt? Schnell spuckte er das abgebissene Stück aus und schaute besorgt auf den Apfel. Er entdeckte zwar keinen Wurm, dafür aber eine kleine goldfarbene Raupe mit feinen schwarzen Härchen. Zu seiner Verwunderung begann diese mit freundlicher Stimme zu sprechen: „Ich bin Goldie. Wenn du mich zu dir nimmst und mich einen Monat lang fütterst, werde ich mich in den größten und schönsten aller Schmetterlinge verwandeln.“

Warum nicht, dachte Jo, dem der Gedanke gefiel, ein Haustier zu haben, und er nahm die seltsame Raupe mit nach Hause. In seinem Zimmer bekam Goldie einen Platz in einem Korb und Jo beobachtete vergnügt, wie sie den Apfel verputzte. Begeistert brachte er ihr von nun an jeden Morgen alles, was der elterliche Garten zu bieten hatte: Ackersalat, Zucchini, Möhren und Tomaten.

Goldie gedieh prächtig und wuchs zusehends. Jeden zweiten Tag häutete sie sich und mit jedem Häuten wurde ihre Haut etwas dunkler und ihr Körper etwas größer. Goldie fraß so viel, dass die Gartenvorräte bald verbraucht waren. Jo schlachtete sein Sparschwein und begann, Gemüse im örtlichen Supermarkt einzukaufen.

Nach mehreren Wochen war Goldie richtig massig und fett geworden, sodass sie gar nicht mehr in ihr Körbchen passte. Mit Jos Erlaubnis durfte sie auf dem Teppich vor seinem Bett schlafen. Mittlerweile kaute sie nicht mehr gemütlich ihre Speisen, sondern würgte sie einfach hinunter. Ihr Hunger schien keine Grenzen zu kennen. Jetzt stellte sie auch Forderungen. Mit barscher Stimme verlangte sie nach Fleisch. Fleisch für eine Raupe? Jo war beunruhigt, aber er kaufte ihr das Verlangte. Er hoffte, wenn er Goldies Wünsche erfüllte, würde sie wieder so nett und freundlich sein wie am Anfang.

Doch er hatte sich getäuscht. Goldie wuchs nur noch mehr....